Der braune Paias

Anhand des folgenden, lesenswerten, Artikels und des hieraus entstandenen Schriftwechsels zwischen seinen Herausgebern und mir soll u.a. der Versuch unternommen werden, einmal bewusst zu machen, dass eine dringend erforderliche, objektive, Aufarbeitung der nationalsozialistischen Zeit bis heute unterbleibt.

Das Ansinnen des Autors, einmal aufzuzeigen, wie schäbig und verlogen man in unserem Staat mit traumatisierten Flüchtlingen umgeht und welcher Niederträchtigkeit man diese Menschen aussetzt, wird von mir ohne Wenn und Aber unterstrichen.

Die dumpfe Meute des Wachpersonals jedoch gewohnheitsmäßig ins Zwielicht unserer nationalsozialistischen Vergangenheit zu rücken? Durch diesen Umstand sah ich mich veranlasst, einmal deutlich zu widersprechen.

Deshalb habe ich einen Kommentar verfasst.  Dieser wurde nicht veröffentlicht, eine Entscheidung, welche ich in Anbetracht der emotionalen Sprengkraft, die in dieser und ähnlich gelagerten Diskussionen über unsere Vergangenheit enthalten ist, durchaus nachvollziehen kann.
Deshalb wird die Diskussion hier komplett veröffentlicht.

Terror-Asyl

Elegante Volte im Gewalt-Karussell

Autor: Wolfgang Blaschka
Datum: 09. Oktober 2014

Die Empörung über die rassistischen Übergriffe des Wachpersonals in Flüchtlingsunterkünften von Nordrhein-Westfalen ist noch kaum verklungen, da weiß die Boulevard-Zeitung mit den großen Buchstaben zu vermelden, wie leid es den aus dem Ruder gelaufenen Wachmännern tut, ihre Stiefel auf den Hals eines am Boden liegenden, gefesselten Asylsuchenden gestellt, ihn geschlagen und gedemütigt zu haben, den einen acht Stunden lang im „Problemzimmer“ ohne Toilette eingesperrt und gequält, einen anderen unter Androhung von Schlägen dazu genötigt zu haben, sich auf eine Matratze mit Erbrochenem zu legen und Ruhe zu geben. „Das war eine dumme Idee von uns, ich schäme mich“, flötet der dreißigjährige Markus H. mit dem „Ruhm-und Ehre“-Tattoo auf dem linken Unterarm, wobei nicht so recht klar wird, was genau er damit meint. Vielleicht das selbstgemachte Foto, das ihn überführt hat? Auch den Nazispruch, mit dem er sich im Internet zur Schau stellte, verflucht er inzwischen: „Ich bin kein Rassist. Schon gar kein Nazi, ich höre Helene Fischer“. Peinlich für die Mainstream-Sängerin! Jetzt will er das Tattoo wegmachen lassen. Gegen seinen Musik-Geschmack dürfte das kaum helfen. Es sei ein Fehler gewesen. Natürlich schon auch das mit dem Stiefeln: „Es tut mir leid. Schämen ist kein Ausdruck für das, was ich empfinde“, will er gleich tags darauf dem misshandelten Marokkaner zu verstehen gegeben haben. Ob der das verstanden hat? Schwere Jugend, Türsteher-Karriere und so. Üppiges Vorstrafen-Register, drei Ermittlungsverfahren, eigentlich polizeibekannt, und dennoch auf die vom Bürgerkrieg traumatisierten, schutzsuchenden Flüchtlinge losgelassen von der Firma mit dem kuschelig klingenden Namen „European Homecare“. Als wäre das ein rühriger, einfühlsamer Pflegedienst mit geschultem Personal. Nichts da! Sie nahmen jeden, der für wenig Geld keinerlei Qualifikation mitbrachte: Zunächst vier Mann für 700 Personen, dann sechs, so war der Personalschlüssel.
 
In Auftrag gegeben hatte das der Staat, das Bundesland NRW, und dann wurde der Auftrag an Subunternehmer weitervermittelt. Je billiger, desto effizienter. Auf Eignung überprüft wurde niemand für den Dienst in der aufgegebenen Liegenschaft des Bundes. Die ehemalige Siegerland-Kaserne in Siegen-Burbach muss für die dort Einquartierten die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln gewesen sein: Nazi-Terror statt ISIS-Bedrohung. In Essen und Bad Berleburg soll es ähnlich zugegangen sein. Auch aus Hamburg haben Asylbewerber Übergriffe durch das Wachpersonal gemeldet. Die Unterkunfts-Betreiber kassieren pro Flüchtling 750 Euro im Monat, da sind Miete, Verpflegung und „Sicherheit“ mit drin. Manchmal reicht es nicht einmal zur medizinischen Grundversorgung, die wird gelegentlich schlicht verweigert. Willkommen also im sicheren Deutschland! Dem Bürgermeister von Burbach, Christoph Ewers (CDU) war der Skandal um „unseriöse Sicherheitsfirmen“ bereits seit Januar bekannt. Da will NRW-Innenminister Ralf Jäger jetzt aber schleunigst aufräumen: „Nichts, aber auch gar nichts wird unter den Teppich gekehrt.“
 
Brutalst hilfreiche Aufklärung auch bei den deutschen „Sicherheitskreisen“, die jetzt herausgefunden haben wollen, dass für das ach so sichere Deutschland eine „abstrakt hohe Gefährdung“ nicht ausgeschlossen werden könne. Aber nicht wegen der Nazis und Rassisten, die sich an wehrlosen Menschen ihr Mütchen kühlen und ihren an den eigenen Hals tätowierten „Hass“ abreagieren, sondern weil es einschlägige Gerüchte gebe, die IS-Kämpfer könnten sich unter die Flüchtlingsströme mischen und unerkannt einsickern ins „gewaltfreie“ Kuschelparadies. Damit wäre der Schwarze Peter also wieder bei den religiösen Fanatikern, und weit weg von den einheimischen nationalistischen Dumpfbacken. Elegante Volte im Terror-Karussell! Die Sonntags-Ausgabe mit den noch größeren Buchstaben als unter der Woche durfte es als erste vermelden. Freilich im selben Atemzug auch gleich den nächsten Stilett-Hinrichtungs-Kandidaten, nach dem Briten Alan Henning nun den US-Amerikaner Peter Edward Kassig (26). Dagegen verblassen die Bilder von den schwarz gekleideten Folterern hierzulande fast zwangsläufig. So hängt das BILD wieder gerade.
 
Dafür hängt jetzt der Haussegen bei den Grünen schief. Nachdem ihr erster Ministerpräsident Wilfried Kretschmann aus Baden-Württemberg seine Grundüberzeugung in Sachen Ablehnung der „Drittstaaten-Regelung“ im Bundesrat für ein Linsengericht verkauft hat, rumort es in der Partei, deren liberale Asyl-Politik als einer der letzten verbliebenen Pfeiler ihrer früheren Identität nun abhanden zu kommen droht, wie schon der Pazifismus zuvor einem olivgrün humanitär getarnten Bellizismus gewichen war. Bargeld statt teurer Essenspakete für Asylberwerber, etwas mehr Bewegungsfreiraum statt strikter Residenzpflicht und weniger Hürden bei der Suche nach Arbeit, vielleicht auch ein paar weniger Nazis als Bewacher von Sammelunterkünften, das schien ihm wichtiger als zu verhindern, dass drei Staaten des ehemaligen Jugoslawien per Gesetz nun plötzlich zu „sicheren Drittstaaten“ umdeklariert werden, aus denen Sinti und Roma nur mehr höchst selten als politisch Verfolgte anerkannt würden, wo sie doch „nur“ aus rassistischen Gründen verfolgt, diskriminiert und ausgegrenzt werden von den dortigen Nationalisten, und obendrein auch irgendwie leben wollen, also gewissermaßen auch „Wirtschaftsflüchtlinge“ sind, wie alle, die aus Krisen- und Kriegsgebieten fliehen müssen. Als wäre weit verbreiteter Rassismus kein deutliches Indiz für generelle politische Verfolgung. Dazu müsste es wohl erst „Zigeunergesetze“ oder Massenverhaftungen geben, wie?
 
Nur die allerdümmsten Nazis paradieren heute noch unter Zurschaustellung verfassungsfeindlicher Symbole mit Glatzen und Springerstiefeln durch die antifa-gesäumten Straßen, die weniger dummen haben sich längst als Jugendclub-Betreuer unter die „Mitte der Gesellschaft“ gemogelt, wo der Alltagsrassismus nicht weiter auffällt, und die nicht ganz so dummen bewerben sich bei privaten und staatlichen Sicherheits-Organen, bei Wachdiensten, bei der Bundeswehr, bei der Polizei, am besten gleich bei der des Bundes, wo sie hin und wieder auch mal eine Abschiebung vollziehen dürfen, weit cleverer als diese nur zu fordern. Wo immer Rechtsradikale ihre (Ab-)Neigungen offen ausleben, werden sie zwangsläufig zu Verbrechern.
 
Würden alle Nationalisten ihre Nationen erhöhen über alle andern, wäre endloser Krieg vorprogrammiert bis zum Überleben der härtesten, brutalsten, grausamsten, ja „dümmsten“ Nation, eben jener, die zuletzt „reinen Tisch“ macht und am Ende mit allen anderen „aufräumt“. Insofern ist jeglicher Nationalismus dumm, scheuklappenbewehrt und menschenfeindlich, auch der im scheinbar harmlosen „Patriotismus“-Gewand daherschreitende: Global gesehen blanker Unsinn. Ruanda lässt grüßen. Oder eben auch ISIS mit ihren streng religiös verbrämten Vorstellungen, wie das Leben zu sein hat und zu führen sei. Im Kern geht es denen um eine „mohammedanische Herrschaft“, die nicht nur Araber umfasst, ein weltumspannendes Kalifat, das nicht in erster Linie ethnisch definiert ist, sondern islamisch, in härtest denkbarer, reaktionärst möglicher kultureller Ausprägung. Was den Nazis die ständeorientierte, mittelalterlich anmutende Gefolgschafts- und Volksgemeinschaft, ist den IS-Bewunderern der reine, ursprüngliche, angeblich gerechte Gottesstaat, frei von demokratischen, liberalen, sozialistischen, also insgesamt „modernen“ Einflüssen, genau genommen von allem, was Kapitalismus bzw. Industriegesellschaft westlicher Prägung so mit sich bringen. Ziemlich dumm. Und extrem gefährlich, vor allem für jene, die nicht „dazugehören“ (wollen).
 
Wahrscheinlich würden sich Salafisten und Neonazis gar nicht so schlecht verstehen, vorausgesetzt das Alkohol-Verbot würde fallen. Vermutlich liebäugelt der eine oder andere Geheimdienstler schon mit dem Gedanken, die geschassten Wachmänner als „geläuterte Nazis“ an der türkischen Grenze in den Auffanglagern zu beschäftigen, damit klar wird: Die Flüchtlinge sollen sich auf NATO-Territorium „wie zuhause“ fühlen, im Krieg eben. Konkrete Ansage: Ab hier wird nicht mehr wild weitergeflüchtet! Die Türkei ist ein sicherer Hort für Kurden aus Syrien, nur die türkischen Kurden werden weiterhin strengstens verfolgt. Solange man der PKK abschwöre, könne man bleiben, und müsse ja eigentlich aus diesem „sicheren Drittstaat“ auch nirgendwo andershin mehr ziehen. So wären zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Entspannung in deutschen Flüchtlings-Unterkünften, und die verkappten Nazis an die Front entsorgt. Damit Deutschland sicher bleibe und in Ruhe weiterhin Waffen an die Kurden im Nordirak liefern kann. Während die türkische Regierung alles getan hat, die letzten Reste der demokratischen Ansätze im syrisch-kurdischen Roshava unterm IS-Feuer begraben zu lassen, indem sie den Dschihadisten keine Grenzen setzte. Eine elegante Arbeitsteilung zwischen NATO-Verbündeten ist das. Die ISIS wird es freuen. Und Kretschmann nicht den Posten kosten.


12 Kommentare

  1. Nachricht / Kommentar von Paul-Wilhelm Hermsen:
    Sehr geehrter Herr Blaschka,
    Sie sind sich aber schon darüber im klaren, dass Sie mit ihrer klischéehaften Darstellung der sogenannten Nazis von heute den 17 Millionen Parteimitgliedern der NSDAP nicht ganz gerecht werden? Sie wissen schon, dass unter der NSDAP das Deutsche Volk aus völliger Depression erwacht und innerhalb von 6 Jahren wirtschaftlich zur Nr. 1 im damaligen Europa wurde? Eine Leistung, vor welcher das politische Tagesgeschäft in unserer durch eine Minderheit etablierten Finanzdiktatur, welche in Europa erneut zur Verelendung der Massen führen wird, gewaltig verblasst. Wissen Sie denn auch, dass die transatlantischen Kräfte von damals dieselben von heute sind, und dass diese transatlantischen Kräfte heute wie damals erkennen lassen, dass der „böse Russe“ unterworfen werden muss, wozu die Nationalsozialisten damals und die tumben Nazis von heute finanziert und als nützlich betrachtet wurden und werden? Sie sprechen von Ruanda. Dann wissen Sie doch, dass die Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit dem Untergang der NSDAP nicht vom Erdboden getilgt wurden? Verstehen Sie, dass es zwischen 9/11/2001 und 27/28/2/1933 unübersehbare Parallelen gibt? Ich hätte mir in ihrem zweifelsohne inhaltlich wertvollen und wichtigen Artikel einen präziseren, differenzierteren, Umgang mit der Realität gewünscht, ohne das übliche Nazi-Bullemannklischée. Die sogenannten Nazis von heute sind einfach zu dämlich für einen Vergleich mit den intellektuellen Köpfen aus der damaligen NSDAP und sie sind eine Beleidigung für die restlichen Mitglieder der NSDAP, die durch diesen hinkenden Vergleich in Bausch und Bogen verunglimpft werden. In diesem Punkt unterscheidet sich ihre Sicht nicht von der Meinung der BILDungspresse. Da sind die Nazis von heute der ideale Paias, bei dem man auch nicht hinterfragt, warum solch gescheiterte Existenzen überhaupt entstehen. Die BILDungspresse geht allerdings noch einen entscheidenden Schritt weiter. Da sind die Nazis von heute als Agitatoren an den Grenzen des IV. Reiches (USA) durchaus gesellschaftsfähig.
    Die plakativen Sprach- und Denkgewohnheiten, Nazis hier, Salafisten da, etc. sollten wir ad acta legen. Auf allen beteiligten Seiten gibt es Verbrecher und Schwerverbrecher. Je einfacher gestrickt, um so mehr handelt es sich dabei zugleich aber auch um Opfer. Die intellektuellen Drahtzieher in den Zentren der Macht sind, damals wie heute, viel gefährlicher.

      • Lieber Uli,
        welches Substrat, welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden, bleibt natürlich dem Leser vorbehalten. Wenn sich dabei der Verdacht aufdrängt, ich würde hier unsere nationalsozialistischen Mütter und Väter beerben wollen, entzieht sich das natürlich meiner Einflußnahme, und ich kann verstehen, dass Du das nicht veröffentlichen möchtest. Dennoch sollte meine Meinung dem Verfasser des Artikels bekannt werden. Denn ich stehe zu meiner Betrachtungsweise und bedauere, dass sich selbst der intellektuelle Teil der Bevölkerung kontinuierlich weigert, jene Zeit mit der gebotenen Objektivität zu betrachten. Solange wir dazu nicht fähig sind, fehlt uns die Fähigkeit und damit die Berechtigung, über diese Zeit mit der gebotenen Sorgfalt urteilen zu können. Diese Art der Vergangenheitsbewältigung ist keine Vergangenheitsbewältigung, sondern Verdrängung. Und wozu das führt, sehen wir tagtäglich. Das führt u.a. dazu, dass wir kein Gespür dafür zu entwickeln imstande sind, dass die USA heute als das IV. Reich bezeichnet werden müssen. In dem Maße, indem wir unseren eigenen Blick auf die Verbrechen des III. Reiches fokussieren und meinen, dieser Zeit ihre positiven Seiten vorenthalten zu müssen, erschaffen wir uns einen Allzweckprügelknaben und eröffnen damit sozusagen zugleich die Möglichkeit einer Generalabsolution für alle Verbrechen, die sonstwo und sonstwann begangen werden. Das ist die klassische Situation des Paias! Verbrechen an der Menschheit werden zwar nach wie vor begangen, aber Schuld hat natürlich nur der Paias. Und wenn der verbrannt ist, hat die deutsche Seele Ruh‘.
        Das müsstest Du mir mal bei Gelegenheit erklären.
        Konkreter habe ich mich zu diesem Thema auf meiner eigenen WP geäußert, und ich habe absolut kein schlechtes Gewissen dabei.
        http://serveident.bisskultur.de/?p=1150
        http://serveident.bisskultur.de/?p=1280
        Liebe Grüße!
        Paul-Wilhelm

        • Lieber Paul-Wilhelm,
          der von Dir zitierte Wirtschaftsaufschwung wurde durch Sklavenarbeit und Raub erzielt und diente wesentlich dem Vernichtungskrieg der Nazis. Warum man diesen Verbrechen „gerecht“ werden sollte entzieht sich meiner Kenntnis. – Der Autor hat Deine Anmerkung bekommen.
          Uli

          • Lieber Uli,

            dann befinden wir uns ja in bester Gesellschaft!

            Zunächst – Danke sehr für die Weiterleitung meines Kommentars an den Verfasser des Artikels. Nun zu Deiner Anmerkung. Sklavenarbeit, Raub, Krieg – alle 3 Verbrechen sind weltweit fester und ausgeprägter Bestandteil der Wirtschaftsform, die wir Kapitalismus nennen. Bolschewismus, Kommunismus und Sozialismus bedienten oder bedienen sich gleichfalls dieser Elemente.

            Vernichtungskrieg ist ein Begriff, der den Begriff Krieg verharmlost. Letztlich ist es völlig egal, ob durch Krieg der Kern des Menschen, die Seele, zum Schmelzen gebracht wird oder sein Körper ausblutet. Wirtschaftskriege, die blutigen Kriegen stets voraus gehen, haben das gleiche Ziel, nämlich die existentielle Vernichtung des wie auch immer gearteten Gegners, um die eigenen Ziele durchzusetzen.
            So what? …und diesen Anglizismus habe ich an dieser Stelle ganz bewußt gesetzt!

            Wir Beide und unsere Mitstreiter sind dabei, uns aus dem Ei der verordneten Ansichten zu pellen. Wir erkennen die Lügen des Mainstreams und erheben die Stimme dagegen. Wir begeben uns auf die Suche nach Quellen, die die seitens der Systemmedien abgebildete Welt relativieren und bemerken dabei, dass dieses Bild als virtuell entlarvt werden muss. Dabei sind wir stets bemüht, die Fallstricke der Propaganda zu umgehen. Wir sind stets bemüht, ausreichenden Abstand von der Realität zu wahren, mit der wir uns auseinandersetzen. Wieso dann nicht, wenn es um die Zeit und die Politik unserer Elterngeneration geht, wenn es aber letztlich auch um uns selbst geht? Ich habe Quellen studiert, die belegen, dass wir auch über unsere Vergangenheit belogen worden sind, dass sich die Balken biegen. Zu meinem Erstaunen sind diese Quellen, die ich seit Jahren als Link in meinem Browser festhalte, mittlerweile aus dem Internet verschwunden. Sieh mal einer an! Sollte uns zu denken geben!

            Nicht erst durch Churchill ist bekannt, dass die Geschichtsbücher von den Siegermächten geschrieben werden. Hätten unsere Eltern auch nur annähernd die Gelegenheit bekommen, ihre Sicht der Dinge aufschreiben zu dürfen, sähe dieser Teil der Geschichte anders aus. Die Entnazifizierung war ein systematischer Entseuchungsprozess der Besiegten durch die Siegermächte und mit ihm wurde der Nürnberger Trichter etabliert und die Schulbücher neu geschrieben. Dieser Trichter hält uns bis heute davon ab, sich ohne Diktat mit der eigenen Vergangenheit auseinander zu setzen, geschweige denn, sie zu bewältigen.

            Durch den Nürnberger Trichter ist uns zugleich eine alte Seuche neu implantiert worden, welche ihre Krönung im neoliberalen Kapitalismus findet. Und damals wie heute führt diese Seuche erneut zur Verelendung der Massen, was nur noch eine Frage der Zeit ist, und damit kommen wir zur Urheberschaft nicht nur des 1. und 2. Weltkrieges, sondern aller Kriege der Neuzeit. Es ist das auf Dominanz und Unterwerfung aufbauende Weltwirtschaftssystem und seine Erschaffer, erklärte Gegner der Nationalsozialisten. Den Nationalsozialisten ist der Krieg lange bevor sie selber aufgerüstet und schließlich zu den Waffen gegriffen haben, erklärt worden. Sämtliche von ihrer Seite vorgebrachten Abrüstungsvorschläge und Rüstungsbeschränkungen sind von alliierter Seite, insbesondere von Engländern und Franzosen torpediert worden. Und zwar nur aus einem einzigen Grund. Um der sich bereits damals abzeichnenden Terrorherrschaft der Finanzwelt den Weg zu bereiten.

            Heute sorgen die Nachfahren derselben Kriegstreiber dafür, dass Russland genau so in die Zange genommen wird, wie damals Deutschland. Nach und nach versuchen die Konstrukteure dieses Menschen verachtenden Wirtschaftssystems, sich den Globus gefügig zu machen. Sie sehen nicht, wie der Mensch dabei verkommt und in welcher Größenordnung die wertvollen Ressourcen vergeudet werden. Überheblichkeit und Gier machen blind.

            Für die vielen Verbrechen der Neuzeit aber hat man einen Paias im Keller. Den holt man hervor, watscht ihn ab und macht ihn stellvertretend zum Sündenbock – für die Zwangs- und Sklavenarbeit in Asien, weil die Renditen, die das Weltwirtschaftssystem erwartet, eben nur da in dieser Höhe zu erzielen sind, für die Zwangs- und Sklavenarbeit in Südafrika, Brasilien und Katar, ohne die die etablierten Hungerspiele der Gegenwart nun mal nicht möglich sind. Nehmen wir die Erdölländer des Nahen Ostens. Dort haben die Bürger der jeweiligen Länder für ihren Erfolg noch nie selber hart gearbeitet. Das Arbeiten unter den teils unwürdigsten Bedingungen, die daraus resultierende Versklavung und Ausbeutung, nötigt man den Gastarbeitern aus aller Welt, insbesondere aus Indien, Pakistan und Nepal ab.
            Die Wohlstandsrentner, geschweige denn Pensionäre, sie alle stehen mehr oder weniger nicht nur unter der Prokura festverzinslicher Wertpapiere, sondern direkt oder über Umwege in der Geiselhaft von Aktiengesellschaften, die ihre Renditen und damit die Höhe ihrer Gewinne nur in den Ländern der Erde erwirtschaften, in denen Sklaven- und Zwangsarbeit an der Tagesordnung sind. So what?

            Den Wirtschaftserfolg der nationalsozialistischen Politik als Erfolg von Sklavenarbeit und Raub zu werten, ist jedoch völlig abwegig und falsch. Allein ein solches Unterfangen zu organisieren und zu beaufsichtigen, ist unmöglich. Es waren die deutschen Arbeiter und Ingenieure mit ihrem Arbeitswillen und Einsatz, die im Gegensatz zum spekulativen Goldstandard, dem die Nationalsozialisten entsagten, das eigentliche Kapital für den Wirtschaftserfolg begründeten. Es war eine Zeit gigantischer Bau- und Verkehrsprojekte, um die Infrastruktur zu verbessern, vom Straßenbau, Deichbau, bis zur Städteplanung – mit großen Erfolgen in Forschung und Wissenschaft. In dieser Zeit entstand die Marke „Made in Germany“! Denn, genau wie für die Güter, welche zum Eigenverbrauch bestimmt waren, galt eine hohe Anforderung an die Qualität der Außenhandelsgüter. Man war sich nämlich schnell darüber klar geworden, dass allein zum Zwecke des Eigenverbrauchs die deutsche Wirtschaft nicht auf Dauer funktionieren würde. Arbeiter und Ingenieure haben für diesen Wirtschaftserfolg hart gearbeitet, mit verlässlichen Löhnen in einer Höhe, die es gestattete, Familien davon ernähren zu können, mit Hochzeitsprämien, Kindergeld, Kuren zur Regeneration, mit einem sicheren und stabilen Sozial- und Wohlfahrtssystem im Rücken. Die deutschen Bauern hatten einen Ernährungsauftrag. Ihre Arbeit wurde hoch geschätzt und verlässlich vergütet und nicht, wie heute, den Börsen der Welt und damit der Spekulation überlassen. Die Bevölkerung war durchaus sinnvoll organisiert, die Jugend beschäftigt. Das gesellschaftliche Leben wurde nicht als Zumutung, sondern als Befreiung empfunden.
            Die von Dir erwähnte Sklaven- und Zwangsarbeit in deutschen Fabriken, im Straßenbau und der deutschen Landwirtschaft entstand erst, als die deutschen Männer an den Fronten des Krieges verbluteten, ein Umstand, der u.a. der allgemeinen Wehrpflicht geschuldet war. Diese Arbeit derart zu bezeichnen, ist jedoch gewagt, denn jenen Arbeitern, die mit ihrer Arbeitskraft insofern auch am Wirtschaftserfolg teil hatten, ging es in aller Regel und unter den gegebenen Umständen gut und sie wurden von den zumeist bäuerlichen Familien, denen sie zugeteilt waren, fair behandelt.

            KZs, eine Erfindung der Engländer, haben für den Wirtschaftserfolg der Nationalsozialisten nie eine Rolle gespielt. Die dort geübte, systematische, Vernichtung der als Systemfeinde empfundenen Gegner war, neben dem Rassenwahn, die unzweifelhaft dunkelste Kehrseite der Medaille – kein Frage.
            Ich persönlich mache mir allerdings nichts vor. Den Nationalsozialisten hierfür und für alle Zeit die alleinige Verantwortung zu überlassen, ist eine bis in die heutige Zeit hinein reichende Geschichtsverfälschung.
            Der klassische Paias eben!

            An dieser Stelle gedenke ich allerdings von meiner Seite die Diskussion nicht fort zu führen, falls Du Dich, was ich verstehen könnte, aufgewühlt fühlst. Ich fühle mich auch aufgewühlt. So fühlt man sich halt mit einer Geschichte, die uns eine hohe Schuld mit auf den weiteren Weg gegeben hat. Gerade deswegen sollte es uns eine Verpflichtung sein, unter der aktuell sich abzeichnenden, europäischen, Entwicklung darüber nach zu denken, Nato und Eu den Rücken zu kehren, um die Position einzunehmen, die uns besser zu Gesicht stünde. Neutralität und ständiges Wirken für den Frieden – zwischen West und Ost im besonderen und in der Welt im allgemeinen. Unsere derzeit amtierenden Politikdarsteller sind jedenfalls unfähig, ihrem Volk und der Europäischen Union im Sinne dieser Aufgabe dienen zu können! Vermutlich werden sie allesamt, sowohl in Berlin, als auch in Brüssel, entweder rüde erpresst oder sonst wie korrumpiert. Würde mich jedenfalls nicht wundern.
            Mit freundlichen Grüßen
            Paul-Wilhelm

  2. Werter Paul-Wilheln Hermsen,
    Uli Gellermann hat mir Ihre Leserpost zukommen lassen. Zuerst wollte ich wie er gar nicht darauf antworten, doch dann hakten Sie nach. Ich denke, dass Ihr Bemühen, die NSDAP-Mitglieder von Dummheit reinzuwaschen, misslingen muss. Es war freilich nicht in erster Linie Dummheit, die sie zu ihrer Mitgliedschaft in dieser kriminellen Vereinigung veranlasst hatte, sondern das verbrecherische Kalkül, auf Kosten anderer Völker, Staaten, religiöser und ethnischer Gruppen, sich deren Besitz und Territorien anzueignen und allein für das „deutsche Volk“ nutzbar zu machen. In der Ideologie des NS galten diese „Kulturbarbaren“ und „Untermenschen“ im Osten, die „Volksschädlinge“ im Inneren oder wahlweise auch die „dekadenten“, „liberalen Schwächlinge“ des Westens von Anfang an als „nicht fähig“, würdig und wert, dem revanchistischen Expansions-Drang des durch „Erniedrigung“, „Not und Entbehrungen“ gestählten „Deutschtums“ im Wege zu stehen.

    Sollten Sie einmal das zweifelhafte Vergnügen gehabt haben, in Hitlers „Mein Kampf“ auch nur stellenweise hinein zu lesen, dürften Sie das eigentlich klartextlich wissen: Das Programm der NSDAP war darin ziemlich ungeschminkt dargelegt, teils aus der trüben Vita des Verfassers begründet, teils mit Versatzstücken historisch-romantisierender Geschichtsklitterei entwickelt, jedenfalls unübersehbar klar ausgearbeitet. Es handelt sich um eine Anleitung zu jenem politischen Handeln, das später grauenhafte Realität wurde: Gewaltsame Revision der Ergebnisse des Ersten Weltkrieges, „Rache für Versailles“, die Einlösung der Propaganda-Forderung, die im (1.) „Weltkrieg“ schon nicht realisiert werden konnte, nämlich den Deutschen ihren angeblich zustehenden „Platz an der Sonne“ zu sichern, konkretisiert um die Forderung nach weit ausgreifender Land-Eroberung im Osten zur „Lebensraum“-Erweiterung, garniert mit todbringendem Antisemitismus, gemixt mit antikapitalistischen Phrasen vor allem gegen das „jüdische Finanzkapital“ und antibolschewistischem Slawen- / Russenhass, mit Verachtung dem westlichen „Liberalismus“ gegenüber und einer bodenlosen Negierung jeglicher Rücksichtnahme auf andere Nationen, auf Völkerrecht, auf Menschlichkeit, die selbstverständlich nur dem „Herrenvolk“ zustehen sollte, weil dieses jene für sich wehrhaft zu „erringen“ zu haben glauben sollte, daher alles politische Bemühen nur ihm zu gelten habe und den anderen zu versagen war. Die Inklusion des „deutschen Volkes“ ging einher mit Exklusion.

    Kurz gesagt: Das Programm einer Räuberbande, eine kaum verklausulierte Verabredung zur Bildung einer verschworenen „Volksgemeinschaft“ für ein Eroberungs- und Vernichtungs-Programm, das peu à peu in die Tat umgesetzt wurde. Das bisschen Friedens-Rhetorik, das die Neuordnungs-Pläne für Europa ummänteln und garnieren sollte, war nur dazu da, den bösen Willen und die fiesen Absichten der „Anderen“ zu behaupten und die eigene „Mission für Europa“ umso greller ins Licht zu setzen. Sollte nach Lektüre dieser Kampfschrift noch jemand im Unklaren geblieben sein, was die Auswirkungen dieser Programmatik angeht, so täte es mir leid um ihre Eltern, falls diese NSDAP-Mitglieder geworden sein sollten. Man lief ja gerade deshalb zu dieser Partei über als „vaterländisch Gesinnter“, weil man fasziniert war, dass einer es „endlich wagt“ die „Dinge beim Namen zu nennen“ und zu sagen „wie’s wirklich ist“. Die ungeschminkte Direktheit und die gnadenlose Konsequenz der schlussfolgernden Aussagen ging dem völkisch gesinnten Kleinbürger-Publikum runter wie Motorenöl. – Igitt! Faszinierend, dieser Faschismus! Endlich sind „wir“ wieder wer – als Rutenbündel unter der Hakenkreuz-Sonne.
    Das „gesunde Volksempfinden“ der Deutschnationalen und Konservativen gierte geradezu nach der Zuspitzung ihrer eigenen Positionen. Sie sahen in Hitler ihren „Erlöser“ von allen etwaigen bis dahin gehegten Skrupeln, wie die „geknechtete Nation“ aus der misslichen Lage nach der Weltwirtschaftskrise wieder emporkommen und zu nie dagewesener Mächtigkeit und Blüte steigen könnte, obschon das nur über Leichenberge gehen sollte. Alles war auf ein Vabanque-Spiel angelegt nach dem sarkastischen Selbstmörder-Motto: Alles oder nichts – Krieg oder Untergang! Nicht ganz unähnlich dem Agieren der USA heutzutage, nur mit dem „kleinen“ Unterschied, dass die USA weder ein Erstes noch ein Zweites noch ein Drittes Reich hatten, und daher Ihre Behauptung eines „IV. Reichs“ völlig ins Leere zielt. Wie sollte denn das „Deutsche Reich“ plötzlich über den Atlantik gehüpft sein?!

    Sie schreiben: „Wissen Sie denn auch, dass die transatlantischen Kräfte … heute wie damals, erkennen lassen, dass der böse Russe unterworfen werden muss, wozu die Nationalsozialisten damals und die tumben Nazis von heute finanziert und als nützlich betrachtet wurden und werden?“ Ich frage zurück: Mussten die NS-Leute von der „Wallstreet“ oder von irgendjemandem sonst dazu überredet werden, ihren Antikommunismus (und da schenkte sich das rechte Lager insgesamt nichts – die christlichen Kirchen ebensowenig), ihren Antisemitismus und ihre Verachtung gegenüber den Slawen in „Politik der verbrannten Erde“, in „Kommissar-Befehle“ und schließlich in Vernichtungslager umzumünzen? Das glauben Sie doch nicht im Ernst, dass die erst zum Jagen getragen oder gar mühsam instrumentalisiert hätten werden müssen, oder? Übrigens haben auch deutsche Konzerne (etwa Krupp) im Ersten Weltkrieg bereits an die Briten Kanonen geliefert. Das Kapital denkt national, aber handeln tut es international, nach Geschäftsinteressen. Humanitäres „Gewissen“ würde beim Geschäftemachen nur stören.

    Das ändert nichts daran, dass die Schlotbarone von Rhein und Ruhr stramm „vaterländisch“ gesinnt waren – und auch Hitler finanziert und in den Sattel gehoben haben. Das deutsche Kapital hat selbstverständlich von dessen Ambitionen gewaltig profitiert, wie auch das US-amerikanische so lange wie möglich die Hoffnung hegte, dass die Transatlantiker in Deutschland die Oberhand behalten würden, und sich der absehbare Krieg ausschließlich gegen die Sowjetunion richten würde. Falsch kalkuliert – und dennoch gewonnen, kann man da nur sagen.

    Beinahe so, wie Deutschland den Krieg zwar verloren, aber den Kalten Krieg danach letztlich doch noch gewonnen, jedenfalls am meisten davon profitiert hat. Nicht zuletzt dashalb, weil der Wiederaufbau – von den USA angestoßen – das (west-)deutsche Kapital in Vorteil brachte gegenüber jenen Staaten, die sich durch die Reparations-Demontagen veraltete deutsche Industrieanlagen ans Bein gebunden hatten oder binden mussten, während Westdeutschland auf zeitgemäßem technologischem Niveau im „Neuanfang“ des „Wirtschaftswunders“ produktionstechnische Vorteile genoss. In jedem Fall profitiert der Kapitalismus global gesehen von Krieg und Zerstörung, egal wo es dann wieder etwas aufzubauen gilt. Die Zuwachsraten sind anfangs immer am größten.
    So werden überflüssige und veraltete Infrastrukturen entsorgt – die Menschen dazu als „Kollateralschäden“. So kommt es zu dem Ammenmärchen, der Krieg sei „der Vater aller Dinge“. Unsinn! Der Krieg war das Ding meines Vaters. Die Vernichtungsmaschinerie wirkt wie ein „reinigendes Gewitter“ bei der Kapital-Akkumulation, wie eine „Konsolidierung“ zur Entfesselung eines Umverteilungsprozesses, einhergehend mit einem gigantischer Schub zu exorbitanter Monopolisierung. Nach Geldentwertung und Währungsreform kann es dann für die Gewinner der neu gemischten Karten wieder munter wietergehen, bis zur nächsten Überproduktionskrise. Krieg erschien also den Herrschaften offenbar als die einzige Chance, ihren Karren wieder flott zu „kriegen“ – ein blutiges Rezept.

    Das heißt nicht, dass die kriegstreibenden Kapitalfraktionen ihren eigenen Untergang einkalkulieren. Sie wollen den „Waffengang“ ja gewinnen und nicht nur im „Stahlbad“ untertauchen. Doch sie können nicht mehr zurück, wenn ihre eigenen Defizite zu groß und die Konkurrenz zu stark geworden ist. Dann heißt es: Entweder die „feindliche Übernahme“ wagen oder Konkurs anmelden. Und dann wird eben lieber alles auf eine Karte gesetzt, um das Überlebens-Spiel zu entscheiden: Augen zu und durch – wird schon schief gehen. In jedem Fall gewinnt der Krieg (geschäftlich wie militärisch) eine unwägbare Eigendynamik mit unvorhersehbaren Wendungen.

    Ein Verbrechen ist er allemal. Gegen alle Kultur, Zivilisation und Vernunft. Denken Sie etwa, seine Rechtfertigung wäre einfacher und akzeptabler, wenn die Achsenmächte ihn gewonnen hätten (rein hypothetisch)?! Wir säßen wahrscheinlich beide nicht hier, sondern in irgendeinem Protektorat „Ostland“, in permanenter Anfeindung und im Abwehrkrampf befangen, paranoid im Verfolgungswahn, „der Russe“ könne „zurückschlagen“. Wäre das besser? Machte solch ein Kriegsergebnis die Auslösung des Grauens etwa weniger verwerflich?! So gar nicht kommod!?

    Die „Kolonisierung“ des Ostens mit Wehrdörfern, die gigantomanischen Pläne zur Plattmachung der Innenstädte Berlins und Münchens, in Graz und Nürnberg zur Betonierung mit monumentalen Riesenbauten und Magistralen, die Konzepte für eine transeuropäische doppelstöckige Breitspurbahn, all das lässt sich, da kriegsbedingt nicht realisiert, gleichermaßen als „geniale Ingenieursleistung“ wie auch als größenwahninnige Idiotie klassifizieren. Mit sinnvollem Wirtschaften hatte das wenig zu tun, allenfalls mit zum Glück nicht ausgeführten Allmachtsphantasien.

    Die taugten gerade mal zur „Ausradierung“ von Rotterdam und Coventry, und im Gegenzug des Totalen Krieges zur Einäscherung der deutschen Städte. Die Erfindungen und Neuerungen bezogen sich samt und sonders auf die Generierung eines noch stärkeren Zerstörungspotenzials, von der V2-Rakete bis zur Nuklearforschung, von der Konstruktion immer effizienterer Verbrennungsöfen bis zu den Konzentrationslager-Baracken-Entwürfen eines Herrn Globke, der in der postfaschistischen Nachkriegs-BRD immerhin noch zum Staatssekretär taugte.
    Auch mit den legendären „Straßen des Führers“ war es nicht weiter her, als dass man die Autobahn-Planungen aus den Zwanziger Jahren übernehmen und mit energischen „Arbeits-Schlachten“ unter Fronarbeitsbedingungen durchpeitschen konnte – unter Ausschaltung der Gewerkschaften, die ab 2. Mai 1933 verboten waren, und deren Vermögen in die „Deutsche Arbeitsfront“ und für die „Kraft-durch-Freude“-Organisation konfisziert worden war.

    Raub und Plünderung also – das waren die Methoden und Projekte des wirtschaftlichen Aufschwungs der Nazis. Von den Zwangsarbeitern für Atlantikwall und unterirdische Flugzeugfabriken unter der „Organisation Todt“ gar nicht erst zu reden. Wollen Sie das allen Ernstes als „wirtschaftliche Leistung des deutschen Volkes“ verkaufen oder nicht realistischerweise als Entrechtung und Ausbeutung der Völker Europas erkennen und einordnen?!

    Im Ernst: Sagen Sie nicht, dass intelligente Menschen das nicht hätten durchschauen können! Die KPD hat es 1932 groß plakatiert: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler. Wer Hitler wählt, wählt den Krieg“. Vielleicht wollten die NS-Anhänger und -Mitläufer, -Wähler wie -Parteimitglieder genau diesen, nur eben siegreich. Insofern waren sie entweder wirklich dumm oder tatsächlich verbrecherisch. Sie können sich’s nun aussuchen, was ihnen lieber ist.

    Sie schrieben bereits in Ihrem ersten Leserbrief: „Die sogenannten Nazis von heute sind einfach zu dämlich für einen Vergleich mit den intellektuellen Köpfen aus der damaligen NSDAP [,] und sie sind eine Beleidigung für die restlichen Mitglieder der NSDAP, die durch diesen hinkenden Vergleich in Bausch und Bogen verunglimpft werden.“ Diese „intelligenten Köpfe“ haben ersonnen und geplant, wie sie Europa unter ihre Herrschaft nehmen könnten, wie sie der Juden Europas habhaft werden können, um sie zu deportieren und zu vergasen oder in die Emigration zu zwingen, wie sie den Anspruch der arischen „Herrenrasse“ zementieren und speziell die deutsche Vorherrschaft über möglichst ganz Europa ideologisch herleiten und begründen könnten, mit teils abenteuerlich scheinwissenschaftlichen Argumentations-Konstruktionen bis hin zu Schädel-Vermessungen und ähnlichem biologistischem Unsinn. Und das nennen Sie „nicht dämlich“? Sie haben recht: Es war extrem dumm, gefährlich und verbrecherisch, nicht nur „dämlich“ (wobei das Wort allein schon arrogant frauenfeindlich klingt – streng genommen). Die Attitüde, sich über die stiefelknallende Dumpfschädeligkeit mordlustiger SA-Schlägerbanden zu mokieren, war übrigens auch damals schon ein oft gebrauchter Topos jener „anständigen“ Nazis, die sich für etwas Bessees hielten, leider auch verbreitet bei Bürgern, die selbst keine Nazis waren, „nur“ Deutschnationale.

    Eine folgenreiche Unterschätzung der NS-Ideologie in ihrer brutalen Konsequenz! Auch heutige Nazi-Rabauken nur ihrer Dummheit zu zeihen führt in die Irre: Ihre Ausländerhetze füht direkt in den „Nationalsozialistischen Untergrund“. Sie machen es sich zu bequem, die mörderischen Folgerungen aus rassistischem Gefasel als „Dummheit“ kleinzureden. Schon „geistige Brandstiftung“ ist kriminelle Volksverhetzung. Vielleicht haben Sie Ihre geringschätzige Abneigung gegen braune Straßenkrakeeler sogar unbewusst von Ihren Eltern übernommen?

    Doch glauben Sie nur ja nicht, dass es ein „gesittetes“ Nazitum überhaupt je hätte geben können oder geben könnte! Die Menschenverachtung gegenüber anderen Ethnien steckt in jedem Nationalisten, sonst müsste er nicht „stolz“ darauf sein „ein Deutscher zu sein“. Wer auf nichts anderes, auf Selbstgeleistetes oder -Erworbenes stolz sein kann, für den bleibt halt nur die letzte Krücke, sich auf seine „Herkunft“ etwas einzubilden. Das Problem hatten übrigens die meisten Adeligen. Das Problem ist aber auch bei Bildungsbürgern weit verbreitet, wenn sie einen tiefsitzenden Bildungskomplex mit sich herumtragen. Dann halten sie andere gern für dumm. Ich meine damit nicht Sie persönlich – ich kenne Sie ja gar nicht. Doch Sie werden das Phänomen zumindest kennen.

    Jedenfalls sollten Sie aufhören, die kriminelle Energie und das Hasspotenzial der Nazis und ihrer Sympathisanten zu ignorieren oder zu verharmlosen, wie sie das mit ihrem Hinweis auf wissenschaftliche und technologische, wirtschaftliche oder sonstige (etwa gar militärische?) Leistungen während der NS-Zeit anzudeuten versucht haben. Natürlich gab es damals in vielen Bereichen Innovationsschübe, doch eben zielgerichtet auf den Krieg, jenes größte Verbrechen, zu dem Völker und ihre Staatsführungen überhaupt fähig sind. Die Aufrüstung fand ja nicht im Geheimen statt. Die Vierjahres-Pläne wurden offensiv propagiert. Heruntergebrochen bis auf die unterste Ebene sollten sie die folgsamen „Volksgenossen“ mobilisieren für Alteisensammlungen, heimischen Obstverzehr und schließlich für’s Winterhilfswerk. Jede Initiative, jede „Gleichschaltungs“-Maßnahme, jegliche Reform oder Rationalisierung in welchem gesellschaftlichen Sektor auch immer zielte bereits ab 1934 auf Autarkie und die Herstellung der Kriegsfähigkeit und -Bereitschaft. Das dürfte auch ihren Eltern nicht verborgen geblieben sein.

    Und Ihnen im Nachhinein schon zweimal nicht! Damals wie heute gilt die schlichte Erkenntnis: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Von Anfang an, bis zum bitteren Ende. Da konnte nichts gut gehen. Nehmen Sie’s endlich an: The Game is over! Nächstes Jahr werden es 70 Jahre her sein, dass eigentlich auch dem letzten „Werwolf“ hätte klar geworden sein müssen, dass er auf dem falschen Posten gestanden bzw. auf dem falschen Dampfer mitgefahren war. Versuchen Sie bitte nicht heute noch das „letzte Gefecht“ auszukämpfen zur Reinwaschung des Angedenkens Ihrer Eltern! Die haben sich tragisch geirrt. Tun Sie’s nicht nochmal! Gruß. Wolfgang Blaschka

    P.S.: Wer sind denn die „Pajas“? Fällt mir nichts dazu ein. Kleine Schuldknechte oder was? Braunhemd-Büßer oder -Pisser? Vielleicht könnten Sie mich noch kurz dazu aufklären; ich kenne den Begriff nämlich nicht. Und ich möchte auch nicht dumm sterben. Damit sollte unsere Korrespondenz dann aber auch beendet sein. Herzlichen Dank schon im Voraus!

    P.P.S.: Bezeichnend übrigens für die Schlagkraft eines Brecht-Zitats war der Wortwechsel zwischen Sevim Dagdelen von der Partei DIE LINKE und der Grünen Kathrin Eckhardt-Göring in einer Bundestags-Debatte. Erstere hatte die Unterstützung der Bundesregierung für das mit bekennenden Faschisten durchsetzte Regime in Kiew gegeißelt mit dem Spruch: „Wer die Wahrheit nicht kennt, ist ein Dummkopf. Wer sie aber kennt und eine Lüge nennt, ist ein Verbrecher“. Prompt fühlte sich die Verteidigerin der Ukraine-Vereinnahmung auf den Schlips getreten und verwahrte sich lauthals dagegen, als „Verbrecherin“ angesprochen worden zu sein – angeblich. Offenbar wusste sie sehr wohl um die Problematik der durch Putsch an die Macht gelangten Svoboda-Leute und des Rechten Sektors, die in ihren neugebildeten militärischen Formationen brutal auf „Russenjagd“ gingen in den östlichen Landesteilen, welche nichts mit der EU-Anbindung und deren Nazi-Wegbereitern am Hut haben wollen.

    • Sehr geehrter Herr Blaschka,
      ich bedanke mich für Ihre sehr ausführliche und von mir als wert schätzend empfundene Stellungnahme. Sie hätten ja nicht müssen. Wir, alle drei Beteiligten, sind uns einig, diese Diskussion nicht fortführen zu wollen. Dazu sind die Sichtweisen zu unterschiedlich und das Thema bietet zuviel emotionale Sprengkraft.
      Ich habe mir sowohl „Mein Kampf“ und, soweit zwischenzeitlich verfügbar, sämtliche Hitlerreden, Goebbelsreden und Himmlerreden, zugemutet. Was sich heute weltweit abspielt, ist nichts anderes, als wovon und worüber diese Leute gesprochen haben. Ihr Kampf war nichts anderes als ein Kampf mit offenem Visier gegen das Kapital und jenen, in deren Reihen sie die Verursacher dieser Seuche glaubten, gefunden zu haben. Derweil geht die Unterwerfung der Völker durch das Kapital weiter. Sie enthält exakt alle, absolut alle Elemente aus der Klaviatur der Nationalsozialisten. Die auserwählte Hochfinanz gegen den Pöbel der restlichen Welt! Sie sind nur subtiler, ihre Teufel sind hinterhältiger geworden. 9/11 ist nichts anderes, als „Reichstagsbrand reloaded“, doch dafür ist selbstverständlich nur der Paias zuständig. Diejenigen, welche sich heute exakt derselben Mittel bedienen, tragen teilweise ihre Selbstlügen wie eine Monstranz vor sich her. Sie können sich darauf verlassen, dass der Paias es schon richten wird. Diese Realität zu erschüttern, ist schwieriger, als einen Atomkern zu spalten und fängt damit an, Fairness im Umgang mit unserer eigenen Vergangenheit einzufordern.
      Sie wissen selber, dass eine Medaille zwei Seiten hat. Daher stehen meine Ansichten gegen die Ihrigen. Eine Synthese muss, bei allem Respekt vor Ihrer dargelegten Meinung, jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt als unzumutbarer Spagat empfunden werden. Ich nehme an, dass Sie dieser letzten Feststellung zu unsem Schriftwechsel zustimmen werden.

      Eine Antwort auf Ihre Nachfrage, den Paias betreffend, finden Sie u.a. unter
      http://de.wikipedia.org/wiki/Paias

      Sehr geehrter Herr Blaschka, lieber Uli,
      darf ich unseren Schriftwechsel auf meiner Internetseite veröffentlichen? Ich bin der Ansicht, dass beide Sichtweisen es verdient hätten. Es reicht ein schnörkelloses Ja oder Nein.
      Weiterhin viel Erfolg beim Kampf gegen die Dummheit. Der Begriff „Dämlichkeit“ scheint ja auch nicht mehr unverfänglich zu sein. Am besten ist, wir pervertieren auch gleich unsere Deutsche Sprache. Dann sollte aber auch konsequenter Weise der Begriff „Herrlichkeit“ abgeschafft weren.

      Mit freundlichen Grüßen
      Paul-Wilhelm Hermsen

      • Werter Paul-Wilhelm Hermsen,
        Ihre Replik, Hitler hätte versucht gegen das Kapital zu kämpfen, hat mir gezeigt, wie aussichtslos eine weitere Verhandlung zwischen uns wäre. War doch gerade der „Führer“ der NSDAP die Joker-Karte, die das Kapital zog, der Weimarer Republik den Garaus zu machen. Weite Teile der Großindustrie und der Hochfinanz haben Hitler finanziert, gefördert und in den Sattel gehievt. Sie verwechseln ihn wohl mit Gregor Strasser; der hatte in Teilen der SA mit sozialrevolutionären Tönen demagogische Erfolge erzielt. Doch wissen Sie sehr genau, wie brutal diese „kapitalkritischen“ Tendenzen in der „Nacht der langen Messer“ gegen den so genannten Röhm-Putsch (unter Verweis auf angeblich dort vorherrschende Machenschaften dekadenter, homosexueller, korrupter und umstürzlerischer Subjekte) bereits 1934 mithilfe der SS zum Schweigen gebracht wurden. Spätestestens ab diesem Zeitpunkt kroch die NS-Anhängerschaft geschlossen vor Himmlers Skrupellosigkeit, die sich ausschließlich gegen Juden, Kommunisten und „Asoziale“ richtete; der Richtungsstreit (sollte es je ernsthaft einer gewesen sein und nicht nur Possenspiel zur Täuschung der Anhängerschaft) war sehr früh nach der Machtübergabe entschieden. Ab diesem Zeitpunkt war von „antikapitalistischer“ Blend-Thetorik nichts mehr zu hören aus diesen Kreisen. Hitler hat ausschließlich im Interesse der großen Konzerne agiert, mit der gewalttätigsten Form bürgerlicher Herrschaft, der offensten und brutalsten Diktatur des Kapitals im Interesse der tonangebenden und für die Rüstung unverzichtbaren Schwerindustrie, die den versprochenen Krieg nicht nur wollte, sondern unabdingbar zu brauchen meinte. Wenn Sie diese historischen Tatbestände leugnen wollen, macht eine weitere Auseinándersetzung tatsächlich keinen Sinn. Aber meinetwegen: Veröffentlichen Sie diese Korrespondenz, ich habe kein Problem damit. Nur bitte nicht auf rechtsradikalen Websites, bitteschön! Das würde ich als Zuwiderhandlung gegen meine Gestattung ansehen.
        Danke. Gruß. Wolfgang Blaschka

        • Sehr geehrter Herr Blaschka,

          seien Sie versichert, dass ich mit rechtsradikalen Propagandaseiten nichts zu tun habe.

          Nun haben Sie es doch noch mal geschafft, dass ich unserer Diskussion noch einen Beitrag hinzufüge.

          Mein Vater, Jahrgang 1910, war Mitglied der NSDAP, Hauptsturmführer SA im NSKK (NationalSozialistisches KraftfahrKorps). Er hat also auf dieser Seite nicht nur im Rahmen diverser Einsätze gegen sogenannte „rote Elemente und Systemgegner“, Erfahrung gesammelt, sondern später, in der Wehrmacht, zunächst als Kommandant der in Raum Saloniki/Korinth stationierten deutschen Truppenteile und später an der Ostfront, im Großraum Minsk. Ein nationalsozialistischer Zeitzeuge also. Er hat bereits damals, nach dem Krieg, als gebrochener Mann, nie verstanden, weshalb die NSDAP während der Entnazifizierungsmaßnahmen von einer linken, volksorientierten, Partei zu einer rechten, dem Kapital dienenden, Partei, noch rechts vom Zentrum, unwidersprochen umgedeutet wurde. Zwei von vielen, für ihn als absolut idiotisch anmutende, Tatsachenverfälschungen.

          Die sogenannten, in erster Linie der SA nachgesagten, Prügeleinsätze, meist gegen randalierende Kommunisten, waren aus seiner Sicht mitnichten Einsätze gegen politische Gegner auf der anderen Seite eines politischen Spektrums, sondern Einsätze zur Widerherstellung der sogenannten öffentlichen Ordnung. Bis heute muss man schlussfolgernd zur Kenntnis nehmen: „Aus dieser Sicht – im Westen nichts Neues!“
          Denken wir nur an die Polizeieinsätze der jungen Bundesrepublik gegen die Demonstranten anläßlich des Schahbesuches im Jahre 1967, als vielleicht markantestes Beispiel. Denken wir in Frankreich an die, aus Verzweiflung, Gewalt bereiten Jugendlichen aus den ehemaligen, französischen, Kolonialgebieten und die Härte, mit welcher der französische Staat bis heute zurückschlägt.
          In den USA dürfen wir immer wieder erleben, wie eine randalierende, entrüstete, Zivilbevölkerung, nach Tötung eines schwarzen Jugendlichen aus ihren Reihen, durch die Nationalgarde zur Ordnung geprügelt wird. Weltweit ist die Anwendung von Gewalt zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung ein bewährtes Mittel, dessen sich nicht nur totalitäre Systeme bedienen. Wir befinden uns also mit unseren sogenannten Zivilgesellschaften wieder einmal in bester, nationalsozialistischer, Gesellschaft.
          Doch Schuld hat natürlich erneut nur der Paias, und insofern ist es unschick, z.B. die Nationalgarde unter diesem Gesichtpunkt mit der SA zu vergleichen.

          Rechts und links sind übrigens Begriffe, die eigentlich ausschließlich in den Straßenverkehr gehören. Im politischen Umfeld sind sie so überflüssig wie die gesamte, stets aufs neue bemühte, Farbenlehre.

          Über den Straßenverkehr komme ich auch noch einmal zurück auf die Baumaßnahmen der Nationalsozialisten, den Ausbau des Straßen- und Autobahnnetzes, den Brückenbau, den Schienenbau, den Deichbau, dem Staudammbau und die für diese Zeit typischen Regierungs-und Repräsentationsgebäude, Ordensburgen und sonstigen Denkmäler, welche zum Teil aufgrund des Krieges nicht zur Realisierung kamen. Sie alle erreichen nicht annähernd den Größenwahn neuzeitlicher Bauvorhaben und ihrer Prunk- und Protzgebäude, sondern dienten einer nüchternen Funktionalität. Und derweil ihre Architekten auch in der Nachkriegszeit noch als im eigenen Stil für diese Zeit als prägend und in ihrer Kunst als akzeptiert empfunden werden, wird ihrem Auftraggeber das Recht aberkannt, der Zeit einen eigenen architektonischen Schliff zu geben.
          Das wäre noch nachvollziehbar, wenn der Nachkriegsgeneration von unseren Regierungspotentaten nicht das Ei des Berlinumzuges mit ins unerschöpflich warme Nest gegeben worden wäre. Völlig abwegig, hier auch nur den Hauch einer berechtigten Kritik vorzutragen.

          Unstrittig ist mittlerweile die Förderung der NSDAP durch Gelder der amerikanischen, fast ausschließlich jüdischen, Hochfinanz. Diese Gelder dienten dem Zweck der Polarisierung, Nationalsozialisten hier, Bolschewisten da, in der Hoffnung auf einen gemeinsamen Raubzug gen Osten, zumal die Bolschewisten absolut keine Freunde der jüdischen Mitbürger waren. Hieraus zu extrahieren, dass die Nationalsozialisten sich nun zum Handlanger einer kapitalistischen Politik hätten umerziehen lassen, ist falsch. Das hatte die jüdische Hochfinanz dann auch sehr schnell begriffen und ihrem Gegner, Hitler, den Krieg erklärt.

          Wenn Sie „Mein Kampf“ gelesen haben, wissen Sie, aus welchen Erfahrungen Hitlers Judenhass erstanden ist. Ein Pakt mit der Hochfinanz war absolut undenkbar. Hitlers Charakter entsprach keinesfalls dem Typus, der auch nur annähernd zu Kompromissen bereit gewesen wäre. Zu keiner Zeit! Die „Nacht der langen Messer“ war nichts Anderes, als ein dementsprechend nüchterner, kompromissloser, Entmachtungsakt eines politisch mächtigen Gegners aus den eigenen Reihen, weniger ein durch diesen Begriff suggeriertes Schlachtfest. Keinesfalls aber hatte sie das Ziel, die unter Röhm und seiner SA weit verbreitete Kapitalfeindlichkeit auszuschalten. Eine derartige Interpretation dient auch in diesem Punkt nicht der Wahrheitsfindung, sondern der Geschichtsverfälschung.

          Röhm war, nicht nur als jahrelanger Wegbereiter Hitlers, ein bei den Männern der SA durchaus beliebter Kopf, und mit der SA führte er ein Korps, mit dem es möglich war, selbst den Führer binnen Stunden kalt zu stellen. Um der realen Gefahr eines drohenden Putsches zu trotzen, hat man sich zum Zwecke des Bruches seiner Autorität noch nicht einmal einer Lüge bedient. Man hat seine Neigungen benutzt. Gehört seit jeher zum Handwerkszeug sämtlicher Geheimdienste. Hitler ist seiner Blutsaugerdeutung dem Kapital gegenüber immer treu geblieben, und es war ihm widerwärtig, sich in diesen Kreisen zu bewegen. Der einzige Schachzug, zu dem er sich unausweichlich gezwungen sah, war der letztlich erfolgreiche Versuch, das Stahlkapital auf seine Seite zu bringen. Fritz Thyssen wurde wegen seiner katholischen Prinzipientreue und kritischen Distanz zu den Nationalsozialisten fallen gelassen und aus der Partei ausgeschlossen. Friedrich Krupp, der der Partei nie angehört hat, ein weitsichtiger Taktiker, blieb diese Ächtung erspart, obwohl er sich selbst innerhalb seiner Familie einer antinationalsozialistischen Einstellung, insbesondere seitens seiner Frau, hat stellen müssen. In diesem Spannungsfeld herrschte ansonsten ‚business as usual‘, und das Kapital, das stets eigene Ziele zu verfolgen gedachte, sah sich während der gesamten nationalsozialistischen Zeit selber einem enormen Druck ausgesetzt.

          Man kann der nationalsozialistischen Führung durchaus alles unterstellen, nicht aber, dass sie Freunde oder gar Handlanger des Kapitals gewesen wären. Der normativen Kraft des Faktischen folgend, war es nichts anderes, als eine Zweckgemeinschaft, und auch da sieht sich die moderne Zeit außerstande, die differenzierenden Unterschiede zu berücksichtigen. Hitler persönlich war es, der den Stahlkonzernen und der übrigen Industrie überhaupt wieder einen Anschluss an eine Entwicklung ermöglicht hat, die den Begriff „funktionierende Wirtschaft“ auch verdiente. So etwas hatte es nämlich in den Jahren der Reparationen und der Wirtschaftskrise zwischen 1928 und 1932 nicht gegeben, worunter auch die Stahlbarone des Ruhrgebietes sehr gelitten haben.

          Dies ist der Extrakt aus einer anderen Sichtweise, nachdem es mir gelungen war, einen Zeitzeugen, meinen Vater, überhaupt darüber zum Sprechen zu bewegen, denn die Entnazifizierung hat uns nicht nur einer dringend erforderlichen Aufarbeitung beraubt und den Verstand benebelt, sondern auch noch Verachtung, mundtote Schweigsamkeit und Zwietracht in die Nachkriegsfamilien getragen.

          Die nationalen Konzerne von damals haben mit den globalen Konzernen von heute nichts mehr gemein, ebenso wenig, wie die heutige USA mit der USA vor 9/11/2001 und das heutige Russland mit der alten UDSSR. Es ist falsch, einen Mann wie Hitler oder seine hochrangigen Parteigenossen als Marionetten des Kapitals zu bezeichnen.

          Ein Erlebnis aus dem Jahre 1971, ich war 17, hat gleichfalls dazu beigetragen, mich dieser Zeit mit etwas anderen als den verordneten Sichtweisen zu nähern. Mein Vater hatte stets davon geträumt, noch einmal an die Orte seiner Kommandantur in Griechenland zurückzukehren. 1971 war es dann soweit, und meine Eltern und ich reisten nach Saloniki. Dort hat er sich dann erfolgreich auf die Suche begeben, Vergangenheitsbewältigung sozusagen. Fündig wurde er in einem kleinen Krämerladen, in Alt-Korinth, der Marktplatz voller Touristenbusse, viele Amerikaner, viele Engländer. Er ordnete sich in die Reihe der wartenden Kundschaft und gelangte schließlich an den Tresen. Hinter dem Tresen bediente ein sehr freundlicher Mann mit weißem Altershaar, erheblich älter als mein Vater. Die Beiden schauten sich eine Weile sprachlos und mit feucht werdenden Augen an, traten einander entgegen, um den Tresen herum, und lagen sich anschließend weinend in den Armen. Gemäß den Lehren aus meiner Schulzeit hätte man eher ein Lynchen erwarten müssen.

          An jenem Nachmittag lief in diesem Ort für die Touristen gar nichts mehr. Der gesamte Ort beendete seine geschäftliche Tätigkeit, und aus dem Nichts heraus entstand ein Volksfest, das bis zum folgenden Morgen dauern sollte und wie ich es in dieser intensiven, unverfälschten, Weise nicht mehr erlebt habe. Mein Vater hatte seinen Dolmetscher gefunden. Sein durch die Partisanen auf ihn angesetzter Auftragskiller, der es auch geschafft hatte, bis in seine Privaträume vor zu dringen, war genauso mit von der Partie, wie die aktuellen Offiziellen, da die Nachricht vom Erscheinen des SA-Mannes sich wie ein Lauffeuer verbreitet hatte. Auf meine Frage, wieso das Attentat letztlich unterblieb, antwortete mir der sympatische ältere Herr: „So ein Mann hatte es nicht verdient, den Lügen seiner Feinde zum Opfer zu fallen.“

          Mir perönlich liefen die Kinder mit einem ständigen „Heil Hitler“ hinterher, und ich bekam einen Chauffeur an die Seite gestellt, der mir die geschichtsträchtige Gegend auf besondere Art und Weise vor Augen geführt hat, derweil meine Eltern, in jedem Haus willkommen, ihre Tournee durch Zeit und Raum absolvierten.

          Die in den folgenden Tagen wiederholten Bewirtungen und Gespräche zeichneten ein ganz anderes Bild vom SA-Mann, der unter anderem ohne Blutvergießen dafür gesorgt hat, dass griechische Partisanenkämpfer und Räuberbanden der Bevölkerung nicht zu nahe kamen, um ihnen zum Zwecke der eigenen Ernährung, Ernte und Vieh zu nehmen. Einer von vielen Nationalsozialisten, über die einmal zu sprechen, man uns abgewöhnt hat.

          Stattdessen üben wir uns weiter im Aufsagen oder Nachplappern der beigebrachten Fakten, nach dem diesbezüglich harmlos anmutenden Motto, unter den Blinden ist der Einäugige König. Wir weigern uns, die enormen Leistungen einer Zeit, die noch immer tief im Stiefel kolonialisierender Gelüste steckte, anzuerkennen. Schließlich war der Samen des Rassenwahns und die Geringschätzigkeit gegenüber anderen Kulturen lange vor ihrer Zeit gesäht worden, in den Kolonien der Spanier, im Blutrausch der Engländer und Franzosen während der Eroberung des nordamerikanischen Kontinents, unter Kaiser Wilhelm in Deutsch Süd-West, insbesondere aber auch erneut durch die Briten, in den Kolonialgebieten des Indischen Ozeans. Tun wir doch nicht so, als wären all diese Henker der Kulturen durch christliche Nächstenliebe in Erscheinung getreten. Die Nationalsozialisten haben diesen Rassenwahn durch Studien und zweifelhafte Thesen zu stützen versucht, um sie zu Propagandazwecken zu nutzen. So hat man gedacht und empfunden in der Zeit. Menschen werden wegen ihrer Hautfarbe, Religionszugehörigkeit und Stammeszugehörigkeit bis heute auf allen Kontinenten gedemütigt und gehasst, selbst in Schwarzafrika. Hier sei an die schrecklichen Massaker in Ruanda und Burundi von Schwarzen unter Schwarzen gedacht.

          Mir geht es nicht darum, die Nationalsozialisten und die unter ihnen verübten Verbrechen klein zu reden. Mir geht es um den Versuch einer Versachlichung, dem z.B. eine Eva Herman zum Opfer fallen musste. Wieso eigentlich? Mit den Mitteln der übelsten Nachrede und Verleumdung, bis hin zur öffentlichen Schlachtung hat man dieser Frau zugesetzt, nur weil sie denselben Versuch unternommen hat?

          Aus dem nach USA-After stinkenden Dunstkreis derselben Schmährufer, aus dem Kreis ihrer Kollegen, wird heute am lautesten gegen Putin gehetzt, für die dringende Erforderlichkeit einer Aufrüstung getrommelt, sowie hochoffiziell über die Notwendigkeit entsprechender Militäreinsätze, wo immer es brodelt, gefaselt.

          Wer frei ist von Schuld, der werfe den ersten Stein – im Glashaus sitzend, sollte man damit vorsichtig sein.

          Mit freundlichen Grüßen
          Paul-Wilhelm Hermsen

          • Werter Paul-Wilherm Hermsen,
            Ihre subjektive Sicht auf den Griechenland-Ausflug Ihres Vaters in Ehren, aber Sie sollten darüber nicht die objektiven Fakten „vergessen“ bzw. ignorieren. Adolf Hitler wurde von der Münchner Bourgeoisie salonfähig gemacht und in die feine Gesellschaft eingeführt. Man kaufte ihm einen Frack und besorgte ihm eine repräsentative Wohnung, reichte ihn in den „besseren Kreisen“ herum und hofierte ihn, um von ihm hofiert und begünstigt zu werden. Wozu wohl? Weil man sich in diesen geldigen Kreisen eben etwas von ihm versprach. Und so blöd manche Reiche auch sein mögen – so dumm waren sie nicht, jemanden zu fördern, der ihr Feind sein würde. Nein, gegen Kapital hatte Hitler nichts, und jüdisches nahm er, wo er es kriegen konnte. Die „Arisierungen“ waren ein groß angelegter Raubzug, um an jüdischen Besitz zu gelangen. Hitlers Abscheu vor der Arbeiterbewegung war mindestens so ausgeprägt wie sein Antisemitismus. Er hasste die „Marxisten“, auch wenn sie gar keine mehr waren. Sozialisten – egal ob Kommunisten oder Sozialdemokraten – waren ihm ein Gräuel.

            Und warum mochte der spätere Wehrrmacht-Spitzel die Gewerkschaften nicht? Ich entsinne mich noch einer Textpassage aus „Mein Kampf“, wo er sich über die unfreundlichen Arbeitskollegen auf dem Bau in Wien beklagt, meist „Tschuschen“, also Slowenen und andere der Donau-Monarchie „untertanen“ Proleten, halt ungehobelte „Unterschichtler“, Tagelöhner, Ungelernte, Habenichtse. Wie empörte sich da der gescheiterte Architekt und Postkartenmaler über deren subproletarische Frechheit: Nicht einmal brotzeiten wollten sie mit ihm! Er saß da immer etwas abseits und fand keinen Anschluss. Keiner mochte ihn – bei seiner Denkart kaum verwunderlich.

            Er suchte sein „Heil“ bei den Mächtigen, den „Großen“, Reichen, Vermögenden, Einflussreichen. Schließlich ging es ihm persönlich um nichts anderes als Einfluss, den großen Wurf. Den konnte er nicht mit Kameradschaft unter Arbeitskollegen finanzieren, schon gar nicht mit Solidarität unter Armen. Hitler hasste das „Klein-Klein“, mokierte sich über die „Erbsenzähler“, die „Spießer“, er bewunderte das Gigantische, das „Erhabene“, das große Kapital eben und seinen Kulturbetrieb, dessen Gepflogenheiten. Die musste er freilich erst noch mühsam beigebogen bekommen: Schliff und Manieren lernte er erst in München, in den reaktionärsten Kreisen, denen das „Geduckt-Laufen“ und die „Beschränkung“ wegen der Restriktionen von Verailles ganz besonders aufs Gemüt drückten.

            Er stammte aus einem extrem autoritären Elternhaus, war von seinem gewalttätigen Vater, dem österreichischen Gendarmen, mehr als einmal geprügelt worden, bis er nicht mehr wusste, wo oben und unten war, und kam quasi als Gewalterfahrungs-Flüchtling freiwillig in die Dienste der bayerischen Armee, war also damals schon ein hart geschlagener Überläufer ins „große“ Deutsche Reich, wo er sich zu Höherem berufen sah: Daheim im Reich, das er groß und größer machen wollte, solange bis es „gevierteilt“ wurde in Besatzungszonen. Einen schlimmeren Versager (gemessen am eigenen Anspruch), Verlierer vor der Weltgeschichte (gemessen an den historischen Ambitionen) und Verbrecher nicht nur an andren Völkern, sondern auch am eigenen, kann ich mir kaum denken.

            Ich bin schon sehr verwundert, dass Sie ihm bis heute unterstellen, er hätte „etwas geleistet“ oder gar „Großes“, außer „sein“ großdeutsches Reich zu ruinieren und halb Europa mit! Und als hätte er gegen das Kapital antreten wollen: Ein Witz! Offenbar funktioniert die goebbelsche Propaganda-Lüge immer noch, zumindest in Ihrem Kopf. Die war ja eng im Bunde mit den Strasser-Brüdern. So wie manche Sprachfloskel, manche Denk-Figur aus der NS-Zeit immer noch virulent zu sein scheint, wiewohl tausendmal demaskiert und widerlegt. Doch hilft die Entmystifizierung offenbar nur, wenn man dem Mythos zu entrinnen trachtet. Ihr Vater wollte das wohl nicht.
            Der sah seinen Dienst beim NSKK anscheinend auch Jahre nach dem Krieg immer noch als „Ordnung schaffen“, was in Wirklichkeit blanker Terror war. Er muss also ein unbelehrbarer, 100-prozentiger Nazi gewesen sein. Andernfalls wäre er in den Eliteverband gar nicht aufgenommen worden. Die wollten nämlich beileibe nicht jeden halbscharigen Möchtegern-„Adabei“, sondern nur „weltanschaulich gefestigte“, hartgesottene, „zuverlässige“ Kämpfer in ihren Reihen. Schließlich waren sie Hitlers persönliche motorisierte „Kuriere“ und Bodyguards. Franz Josef Strauß war auch so einer, und redete noch bis zu seinem Ende in der Diktion des gelernten Demagogen, nachdem er sein Handwerk als „wehrgeistiger Offizier“ bei der Wehrmacht noch vervollkommnet hatte.

            Mich wundert ganz besonders, dass Sie, gerade mal 3 Jahre älter als ich, die 68-er-Bewegung, die im Kern ja einen Aufstand gegen die postfaschistische Ära der Nachkriegs-BRD darstellte, so „unbeleckt“ überstanden zu haben scheinen. Dass Sie immer noch fast kritiklos die Sichtweise Ihres Vaters kolportieren, als wäre das der Schlüssel zur „objektiven“ Betrachtung der grausamen 12 Jahre, die zum Glück keine tausend wurden. Ich war mit 14 sehr froh darüber, dass dieses bleierne Korsett gesprengt wurde, dass der „Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ gelüftet wurde, auch wenn der Gestank, der darunter hervorquoll, fast unerträglich schien.

            Wir hatten im gesamten Lehrkörper des humanistischen Gymnasiums, das ich besuchte, wenn’s hoch kam, drei Sozialdemokraten (so wie ich es rückblickend einordnen würde), der Rest waren halbgar gewendete Nazis, teils immer noch glühend sich in Rage redende Kampfflieger, klerikalfaschistische oder bigotte CSU-ler, ein paar Ex-Deutschnationale und mehrere HJ-infizierte Flakhelfer-Jungspunde, die nicht mehr in den Krieg „durften“, weil der noch vor ihrer Gestellung zu seinem wohlverdienten Ende gekommen war. Stellte ich eine kritische Frage, wurde ich beschieden mit der hämischen Bemerkung: „Ah, der Blaschka, will er jetzt wieder diskutieren?“, so als wäre das Wort „Diskussion“ an sich schon etwas Unbotmäßiges. So obrigkeitshörig, dass wir dann verstummt wären, waren wir zum Glück nicht mehr, doch die Traditionen des Kaiserreichs, verwoben mit dem Parolenschatz der Nazi-Zeit („Maul halten und folgen“) hielten sich hartnäckig. Relikte aus übelsten, finsteren, brutalen Zeiten.

            Leider starb mein Vater, als ich dreizehn Jahre alt war, und ich konnte ihn nicht mehr fragen, was er „damals“ so gedacht, gesagt und getrieben hat. Er war, wie ich erst nach seinem Tod erfuhr, als Kriegsverbrecher verurteilt worden von den Amerikanern, zu einem dreiviertel Jahr Zuchthaus, wegen seiner ungewöhnlichen „Blitzkarriere“ als Verwaltungsjurist in der Marine. Er war kein Nazi im eigentlichen Sinne, das musste er in der (kaiserlichen) Marine auch nicht sein (im Gegensatz zu Görings neu aufgestellter Luftwaffe), um etwas zu werden. Es reichte ein gerüttelt Maß an Karrierismus, Kriegsbegeisterung und juristischem Opportunismus, um innerhalb kürzester Zeit zum gefragten, weil einsatzfreudigen „Feuerwehrmann“ der Marine-Hauptamtes zu werden, und also zu einem Schreibtischtäter, der deutsches Besatzungsrecht überall dort durchsetzte, wo die Alliierten von Deutschen besetzte Häfen bombardiert hatten: Von Bergen in Norwegen über Bordeaux und Marseille bis Piräus zogen sich seine Beschlagnahmungen von LKWs, Requirierungen von Baumaterialien, Verpflichtungs-Kampagnen zur Zwangsarbeit. Ich denke nicht, dass er jemandem persönlich den Revolver unter die Nase gehalten tat, das taten andere Uniformierte mit Schriftstücken, die den Dienststempel seiner Behörde und seine Unterschrift trugen. Ich nehme nicht an, dass ihm jemand „dankbar verbunden“ oder gar freundschaftlich gesinnt war in Griechenland, außer seiner Sekretärin vielleicht, oder einem Büroboten, dem er mal eine Prise Schnupftabak angeboten hat.

            So wie der Dolmetscher, der in Ihrem Vater immer noch den „großen Gönner“ und „alten Freund“ gesehen haben mag, bei dem er damals in Diensten stand (im besetzten Griechenland damals als Kollaborateur, vor dem andere Griechen ausgespuckt hätten, wenn nicht Schlimmeres). Der Mann kann allerhöchstens als Kronzeuge seines eigenen „Vaterlandsverrats“ herhalten, um die Terminologie jener unseligen Zeit zu bemühen. Viel wichtiger jedoch als persönliche Befindlichkeiten und Befangenheiten sind die geschichtlichen Fakten. Ich will einen letzten Versuch unternehmen sie Ihnen zu vermitteln, mit einem Text des Berliner Historikers Dr. Reiner Zilkenat. Damit beende ich meine Aufklärungs-Bemühungen. Ihnen noch aufschlussreiche Erkenntnisse! Gruß. Wolfgang Blaschka

            P.S.: Sie haben mir immer noch nicht erklärt, was Sie mit dem Begriff „Pajas“ meinen, woher er kommt und wofür er steht. Meinen Sie vielleicht „Parias“ (also Ausgestoßene; von: Kastenloser Inder)? Das sollten Sie vielleicht noch kundtun, als letzten Akt unseres Disputs. Dafür wäre ich Ihnen dankbar, denn ich erweitere gern meinen Sprachschatz, sofern es Sinn macht. Mir kam das Wort „Pajas“ jedenfalls noch nie vor Augen oder in den Sinn.

          • Sehr geehrter Herr Blaschka,

            wir sind also immer noch zugange. Die Schriftform ist ein wunderbares Kommunikationsmittel. Säßen wir uns gegenüber, hätten die Emotionen im Spannungsfeld der von uns vertretenen Standpunkte ein Gewitter an Unachtsamkeiten erzeugt und damit ein Thema, das ich bereits mehrfach als gesellschaftspolitische und gesellschaftspsychologische Hängepartie bezeichnet habe, einfach nur abgewürgt. Doch die Schriftform zwingt zur Sachlichkeit. Man hört besser zu und denkt tiefer nach, bevor man antwortet.

            Das Terrain, auf dem wir uns bewegen, ist vermint; der Schmerz über unsere Vergangenheit nach wie vor vorhanden. Und ich möchte noch einmal darlegen, worum es mir geht.
            Mir geht es gewiss nicht um eine rechtfertigende, gar mit einem Anspruch auf Wiederbelebung behaftete, Sympathie gegenüber dem Nationalsozialismus, sondern um Fairness im Umgang mit der eigenen Geschichte. Während ich versuche, mich, trotz aller Grausamkeiten, mit dieser, unserer gemeinsamen, Vergangenheit unter der mir persönlich maximal möglichen Neutralität zu befassen, höre ich aus fast jedem Absatz Ihrer persönlichen, zum Ausdruck gebrachten, Anschauung eine große Verachtung, bis hin zum Hass, heraus, und ich frage mich, wodurch diese, Ihre, von mir so empfundene, Haltung genährt wird.

            Was macht Sie so wütend? Dass Sie z.B. nicht erkennen wollen, dass das Macht- und Gewaltszenario, dem wir bis in die Gegenwart ausgesetzt sind, sich um kein Jota von dem der Nationalsozialisten unterscheidet?

            Es gibt in unseren modernen Zivilgesellschaften des Westens absolut keinen Grund, sich über den nationalsozialistischen Imperativ zu erheben. Das ist äußerst schlechtes Theater. Wollen Sie unbedingt nicht bemerken, dass weniger als 1/5 der Weltbevölkerung, Nordamerika und Europa, dem Rest der Welt in einer Art und Weise begegnet, die einfach nur als abscheulich arrogant, ausbeutend, egoistisch, imperial und ungebildet bezeichnet werden muss? Sehen Sie nicht, dass die darwinistische Theorie von der evolutionären Überlegenheit des Stärkeren nicht nur unter den Nationalsozialisten, sondern in der Welt der westlichen Allianz zum festen Bestandteil der kapitalistischen Weltanschauung und des derart etablierten Weltwirtschaftssystems geworden ist?

            Oder interessiert Sie das nicht?

            Sie sind so scharf fixiert, einseitig belegt und fokussiert, dass Sie die Realität gar nicht zur Kenntnis nehmen können.
            Wir steuern in Europa einem totalitären, konzernhörigen, Superstaat entgegen, der in seiner Perfidie alles in den Schatten stellt, was Deutschland bisher erlebt hat. Wäre da ein Hauch von Eigenblut, ein Hauch von Volkeswillen, zu erkennen, könnte man sich damit arrangieren, wenn diese Politik denn zum Wohle der europäischen Bevölkerung gereichen würde. Doch erstens tut sie das nicht, und zweitens ist es die Politik der Geldmächtigen und ihrer Marionetten, denen das Wohl und Wehe der europäischen Bürger völlig egal ist.

            Es geht banaler Weise um nichts anderes, als um unser versklavendes Wirtschaftssystem. Und in dem Maße, in dem die Nationalsozialisten gedachten, einer rassisch gleich gestellten, arischen, Lebensgemeinschaft zum Endsieg zu verhelfen, ist es heute wie damals die global agierende Hochfinanz, welche derselben Versuchung folgt, dieselben Mittel anwendet, dieselben Lügen verbreitet.

            Die Quintessenz der von mir vertretenen Theorie gipfelt doch nicht darin, dass die nationalsozialistische Weltanschauung, die nordische Rasse müsse sich über den Rest der Welt erheben, wiederbelebt werden soll! Ich bin der Meinung, dass der kontinuierliche Geldfluss von Fleißig zu Reich und die davon profitierenden Geldmächtigen zu einer Gefahr für den gesamten Globus hat werden lassen, dies, um so mehr die restlichen Ressourcen dahin schmelzen.
            Die hoch verschuldete USA sind nichts anderes, als der militärische Arm dieser Geldmächtigen.

            Die Chimäre des humanoiden Machtwahns hat längst ihr braunes Kostüm versetzt und uns damit einen Paias hinterlassen, einen Schwarzen SS-Peter, der für alles verantwortlich zeichnet, was als Verbrechen am Individuum und an den Völkern dieser Welt auch nur denkbar ist. Diese waren zugleich so groß, dass es anscheinend keine größeren mehr zu geben hat, von den peinlich öffentlichen Atombombenabwürfen, den peinlich öffentlichen Agent Orange Chemiewaffeneinsätzen oder My Lai in Vietnam, so ein Pech aber auch, einmal abgesehen. Wir können jetzt gerne noch ein wenig aufrüsten, Herr Blaschka. Auf dass wir uns mit dieser vergeblich moralisierenden, zugleich absolutierenden, Anschauung im Kopf seit Jahrzehnten und weiterhin um einen Kadaver balgen, währenddessen sich diese Geldmächtigen ständig mit Frischfleisch versorgen, was nur Wenige zu realisieren scheinen.

            Deshalb, so weiter, plädiere ich dafür, die Ära der Nationalsozialisten nicht immer wieder als entartete Ausnahme zu verkaufen oder gar die Möchtegernnazis von heute als lebende Fossilien der NSDAP zu bezeichnen, was einer pauschalen Diffamierung gleich kommt.

            Das nationalsozialistische Gedankengut begründet sich auf einer Jahrhunderte währenden, barbarischen, Tradition des Missbrauches fremder Kulturen durch die abendländische Welt, wozu die Entstehung der Darwintheorie mit ihrer Konklusion, dass der Stärkste seiner Art überleben wird, was eigentlich ganz banal ist, einen guten Teil dazu beigetragen haben mag. Um dieser Erkenntnis Willen bedarf es eigentlich keines Charles Darvin. Insoweit kristallisiert sich bis heute allmählich heraus, dass der Mensch gewiss nicht dazu gehören wird, wenn er nicht schleunigst die Kurve kriegt.

            Als nahezu göttliche Vorsehung möchte ich unter diesem Aspekt den Umstand bezeichnen, insofern sich die nationalsozialistische Aggression zunächst und ausschließlich gegen die klassischen Kolonialmächte gerichtet hat. So kamen diese sozusagen in den Genuss ihrer eigenen, zweifelhaft rühmlichen, Vergangenheit, diesesmal aber als Opfer, nicht als Triumphator.
            Hatte doch was, oder?

            Stellen wir uns einfach einmal vor, die korrupten, intriganten, Politikdarsteller Europas, welche den Fleiß ihrer Völker untergraben und als willfährige Marionetten der Achse City of London-Wallstreet mit ihren zum Zwecke der Steuerflucht geschaffenen Offshoreoasen die Völker Europas in den Ruin führen, würden aus ihren Palästen der Macht entfernt, indem man sie notfalls einfach hinaus prügelt. Dabei denke ich weniger an die SA, als an die großartige fanzösische Revolution, die den Segen der Aufklärung über Europa entfaltet hat.
            Ich fände das toll, denn freiwillig werden diese Inquisitoren des gemeinen Volkes ihre fetten Pfründe wohl kaum verlassen, wie wir seid dem Lissabonvertrag ganz offiziell erahnen dürfen.

            Das Kapital wurde durch Hitler im Vorbeigehen vernascht. Die völlig überflüssigen Gewerkschaften dabei zu opfern – was für ein unsagbarer Verlust. Ihre Mitglieder in den Reichsarbeitsdienst zu überführen, muss doch als genialer Schachzug zur Kenntnis genommen werden. Wes’ Brot ich ess’, des’ Lied ich sing. Und gesungen wurde damals viel, nicht nur im Reichsarbeitsdienst. Den sangesfreudigen Arbeitsmännern hätte aber sehr schnell die Stimme versagt, wenn ihnen keine sinnvolle Arbeit, keine Achtung, keine Lebensmittel, kein angemessener Lohn, keine Kleider, keine Unterkunft zuteil geworden wären.

            Wollen Sie ernsthaft bestreiten, dass es all dies gegeben hat? Andernfalls – sei das alles aber ohne Wert, weil maßgebliche Teile dieser gesellschaftlichen Neuordnung der Rüstung dienten, nachdem man erkannt hatte, dass Abrüstung für die Alliierten kein Thema war?

            Wieso sollte es ausgerechnet dem Deutschen Reich untersagt werden, in die Rüstung zu investieren?
            Damals wie heute dieselbe Nummer.
            Hitler brachte dieses verbotene Kunststück zuwege, indem er Hjalmar Schacht, einen begabten Mann des Kapitals, wer sonst hätte sich bis dahin als fähig erweisen sollen, die beteiligten Rüstungs- und Technologieunternehmen durch die Mefopapierfinte und unter Zuhilfenahme eines Dummyunternehmens an die Kandarre zu legen, zum Reichswirtschaftsminister ernannte. Bekanntermaßen wurden die Mefowechsel mit einer Laufzeit von 1/2 Jahr bei der bürgenden Reichsbank vorzeitig selten eingelöst, was nämlich, neben einer Diskontgebühr, den Verlust des ansonsten 4%igen Zinses mit sich brachte.
            Sieht so eine Marionette des Kapitals aus?

            Einen freien Arbeitsmarkt, der sich zwischen Angebot und Nachfrage bewegte, gab es nicht. Der Außenhandel unterstand einer rigiden Aufsicht, um einen fahrlässigen Abfluss von Devisen zu verhindern. Löhne, Preise und Arbeitsplätze war Sache des Staates, nicht der Unternehmer. Rohstoffe und Arbeitskräfte wurden den Unternehmen zugeteilt. Natürlich nur, wenn sie dem Regime gesonnen waren. Aufgrund der chronischen Devisenknappheit, die alliierte Hochfinanz unterließ es fortan, Waren, Made in Germany, zu beziehen, entwickelten sich rege Tauschhandelsbeziehungen mit über 20 Staaten, insbesondere des kontinentalen Südens und Südostens, womit wir wieder in Griechenland sind.
            Sternstunden einer Befreiung aus den Fängen der ausbeutenden Weltwirtschaft und Grundlage eines bis dahin und auch später weltweit nie da gewesenen wirtschaftlichen Aufstieges.

            Das schändliche aktuelle Wirtschaftsembargo gegenüber Russland und die BRICS-Offensive lassen übrigens grüßen.

            Das alles war phänotypisch für einen Führer an der Leine des Kapitals?
            Im Ernst?

            Ich würde da noch einmal drüber nachdenken, und zwar völlig unabhängig von Ihrer Quellensammlung, aus der hevorgeht, dass Hitler, wenn auch ohne Enthusiasmus, natürlich an einem Dialog mit den Mächtigen der Wirtschaft interessiert war.
            Muss schon ein genialer Mann gewesen sein, dieser Hitler. Hat er es doch geschafft, die ihm ach so kritisch gesonnenen Geldmächtigen zu zähmen und für seine Interessen einzubinden, welche, zugegeben, eher dem Lebensraum im Osten galten, als der Wirtschaft und dem Arbeitsmarkt.

            Und da sind wir wieder in der Gegenwart. Der imperiale Westen hat ein ausschließliches Interesse an einer weiteren Einverleibung und Unterwerfung der Völker des Ostens. Nicht aber, um dort ein Wirtschafts- oder Arbeitsmarktproblem zu lösen. Das schaffen die Staatslenker der westlichen Allianz doch noch nicht einmal zuhause! Sondern um den Völkern ihre Ressourcen und Lebensgrundlagen zu entziehen.

            Im Übrigen fange ich gerade an, unsere Diskussion zu genießen.
            Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit, Herr Blaschka.

            Zum Begriff des Paias enthielt eine meiner älteren Mails an Sie einen Link.
            Wenn Sie den nicht finden, einfach mal gurgeln.

            Mit freundlichen Grüßen!
            Paul-Wilhelm Hermsen

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